Künst­li­che Intel­li­genz am Arbeits­platz: Chan­cen, Risi­ken und die unver­zicht­ba­re Rol­le des Betriebs­rats

Die rasan­te Inte­gra­ti­on Künst­li­cher Intel­li­genz (KI) in die Arbeits­welt ist eine Rea­li­tät, die tief­grei­fen­de Ver­än­de­run­gen mit sich bringt. Die­se Trans­for­ma­ti­on eröff­net Unter­neh­men neue Mög­lich­kei­ten zur Effi­zi­enz­stei­ge­rung und Pro­zess­op­ti­mie­rung, stellt aber gleich­zei­tig Arbeit­neh­mer­ver­tre­tun­gen vor die kom­ple­xe Auf­ga­be, die Rech­te und Inter­es­sen der Beschäf­tig­ten aktiv zu wah­ren. Die Gestal­tung des KI-Ein­sat­zes ist kei­ne rein tech­ni­sche Fra­ge, son­dern erfor­dert eine umfas­sen­de Betrach­tung arbeits­recht­li­cher, sozia­ler und ethi­scher Dimen­sio­nen, in der der Betriebs­rat eine zen­tra­le, unver­zicht­ba­re Rol­le spielt.

Die recht­li­che Ver­an­ke­rung der Mit­be­stim­mung bei KI

Das Betriebs­ver­fas­sungs­ge­setz (BetrVG) bil­det die ent­schei­den­de recht­li­che Grund­la­ge für die Betei­li­gung des Betriebs­rats bei der Ein­füh­rung und Anwen­dung von KI-Sys­te­men. Seit dem Betriebs­rä­te­mo­der­ni­sie­rungs­ge­setz von 2021 ist der Begriff “Künst­li­che Intel­li­genz” expli­zit in meh­re­ren Para­gra­fen des BetrVG ver­an­kert, was die Bedeu­tung des The­mas unter­streicht.

Infor­ma­ti­ons- und Bera­tungs­rech­te nach § 90 BetrVG

Bevor ein Arbeit­ge­ber KI-Sys­te­me ein­führt, muss er den Betriebs­rat gemäß § 90 BetrVG früh­zei­tig und umfas­send infor­mie­ren und mit ihm bera­ten. Dies umfasst Details zur Funk­ti­ons­wei­se der Tech­no­lo­gie, ihrem Zweck und den poten­zi­el­len Aus­wir­kun­gen auf die Beleg­schaft. Eine früh­zei­ti­ge Ein­bin­dung ermög­licht es dem Betriebs­rat, Vor­schlä­ge und Beden­ken zu äußern und die­se in der Pla­nungs­pha­se berück­sich­ti­gen zu las­sen. Wird der Betriebs­rat zu spät infor­miert, also wenn die Umset­zung bereits begon­nen hat, ist dies unzu­rei­chend.

Mit­be­stim­mungs­rech­te in sozia­len Ange­le­gen­hei­ten (§ 87 BetrVG)

Beson­ders rele­vant ist § 87 Abs. 1 BetrVG, der dem Betriebs­rat weit­rei­chen­de Mit­be­stim­mungs­rech­te in sozia­len Ange­le­gen­hei­ten ein­räumt.

  • Ver­hal­tens- und Leis­tungs­kon­trol­le (§ 87 Abs. 1 Nr. 6 BetrVG): Wenn ein KI-Sys­tem dazu geeig­net ist, das Ver­hal­ten oder die Leis­tung der Arbeit­neh­mer zu über­wa­chen, besteht ein erzwing­ba­res Mit­be­stim­mungs­recht. Die blo­ße Eig­nung zur Über­wa­chung reicht hier­für aus, selbst wenn kei­ne tat­säch­li­che Über­wa­chungs­ab­sicht besteht. Dies betrifft vie­le KI-Anwen­dun­gen, die per­so­nen­be­zo­ge­ne Daten erfas­sen und ver­ar­bei­ten könn­ten, wie etwa die Auf­zeich­nung von Tas­ten­an­schlä­gen, Lern­fort­schrit­te oder Kun­den­zu­frie­den­heits­um­fra­gen.
  • Gesund­heits­schutz (§ 87 Abs. 1 Nr. 7 BetrVG): Ent­ste­hen durch KI-Sys­te­me Gefah­ren für die phy­si­sche oder psy­chi­sche Gesund­heit der Mit­ar­bei­ter (z. B. durch erhöh­ten Arbeits­druck oder psy­chi­sche Belas­tun­gen), ist der Betriebs­rat eben­falls mit­be­stim­mungs­pflich­tig.
  • Ord­nung des Betriebs (§ 87 Abs. 1 Nr. 1 BetrVG): Auch die Ein­füh­rung von KI-Sys­te­men, die das Ord­nungs­ver­hal­ten der Arbeit­neh­mer betref­fen, kann mit­be­stim­mungs­pflich­tig sein, ins­be­son­de­re wenn es um kol­lek­ti­ve Arbeits­ab­läu­fe geht.

Betriebs­än­de­run­gen und Per­so­nal­pla­nung (§§ 91, 95, 111, 112 BetrVG)

Stellt die Ein­füh­rung von KI eine Betriebs­än­de­rung im Sin­ne des § 111 BetrVG dar – was bei grund­le­gen­den Ände­run­gen von Arbeits­ver­fah­ren, ‑abläu­fen oder Betriebs­an­la­gen oft der Fall ist – hat der Betriebs­rat das Recht auf Ver­hand­lun­gen über einen Inter­es­sen­aus­gleich und kann unter Umstän­den einen Sozi­al­plan for­dern. Gemäß § 91 BetrVG kann der Betriebs­rat zudem Maß­nah­men for­dern, wenn neue Tech­no­lo­gien zu Nach­tei­len für die Mit­ar­bei­ten­den füh­ren. Bei der Erstel­lung von Aus­wahl­richt­li­ni­en für Per­so­nal­ent­schei­dun­gen unter Betei­li­gung von KI besteht ein Mit­be­stim­mungs­recht nach § 95 Abs. 2a BetrVG. Auch die För­de­rung und Siche­rung der Beschäf­ti­gung sowie die Wei­ter­bil­dung der Beleg­schaft sind wich­ti­ge Auf­ga­ben des Betriebs­rats in die­sem Kon­text.

Der EU AI Act: Ein neu­es Regel­werk mit Aus­wir­kun­gen auf die Mit­be­stim­mung

Mit dem im August 2024 in Kraft getre­te­nen (und teil­wei­se erst 2026 wirk­sa­men) EU AI Act wur­de das welt­weit ers­te umfas­sen­de Regel­werk für Künst­li­che Intel­li­genz geschaf­fen. Die­ses Gesetz ver­folgt einen risi­ko­ba­sier­ten Ansatz, wobei die Auf­la­gen für KI-Sys­te­me je nach ihrem poten­zi­el­len Risi­ko für Men­schen gestaf­felt sind.

Hoch­ri­si­ko-KI-Sys­te­me im Per­so­nal­be­reich

Beson­ders rele­vant für Betriebs­rä­te sind Hoch­ri­si­ko-KI-Sys­te­me, die direk­te Aus­wir­kun­gen auf Arbeit­neh­mer haben kön­nen. Dazu zäh­len bei­spiels­wei­se auto­ma­ti­sier­te Per­so­nal­aus­wahl, Leis­tungs­be­ur­tei­lun­gen, Befra­gungs­ana­ly­sen oder auto­ma­ti­sier­te Ent­schei­dungs­ver­fah­ren bei Kün­di­gun­gen. Sol­che Sys­te­me unter­lie­gen stren­gen Vor­ga­ben hin­sicht­lich Trans­pa­renz­pflich­ten, Doku­men­ta­ti­on und mensch­li­chen Kon­troll­me­cha­nis­men. Der AI Act ver­bie­tet sogar bestimm­te KI-Sys­te­me kom­plett, etwa sol­che, die Men­schen auf­grund sen­si­bler Merk­ma­le in Grup­pen ein­tei­len (Social Scoring) oder Emo­tio­nen am Arbeits­platz erken­nen.

Auf­ga­ben des Betriebs­rats im Rah­men des AI Act

Der Betriebs­rat hat die Ver­ant­wor­tung, die kor­rek­te Umset­zung des AI Act im Unter­neh­men sicher­zu­stel­len. Er muss sich über den Ein­satz von Hoch­ri­si­ko-KI-Sys­te­men infor­mie­ren und kann bei der Gestal­tung von Betriebs­ver­ein­ba­run­gen aktiv mit­wir­ken, um kla­re Regeln fest­zu­le­gen. Die Pflich­ten des Arbeit­ge­bers gegen­über dem Betriebs­rat erge­ben sich zwar pri­mär aus dem BetrVG, der AI Act stellt jedoch sicher, dass Arbeit­neh­mer und ihre Ver­tre­ter über die geplan­te Ein­füh­rung von Hoch­ri­si­ko-KI-Sys­te­men am Arbeits­platz unter­rich­tet wer­den.

Chan­cen und Risi­ken von KI für Arbeit­neh­mer

Die Ein­füh­rung von KI birgt sowohl erheb­li­che Chan­cen als auch ernst­zu­neh­men­de Risi­ken für die Arbeit­neh­mer.

Chan­cen für Arbeit­neh­mer

  • Effi­zi­enz­stei­ge­rung und Ent­las­tung: KI kann repe­ti­ti­ve, mono­to­ne oder kör­per­lich anstren­gen­de Auf­ga­ben über­neh­men, wodurch Arbeit­neh­mer ent­las­tet wer­den und sich auf kom­ple­xe­re, krea­ti­ve­re oder stra­te­gi­sche Tätig­kei­ten kon­zen­trie­ren kön­nen.
  • Ver­bes­ser­te Arbeits­be­din­gun­gen und Arbeits­si­cher­heit: In gefähr­li­chen Umge­bun­gen kön­nen KI-gestütz­te Sys­te­me oder Cobots die Sicher­heit erhö­hen und Mit­ar­bei­ter vor gesund­heits­schäd­li­chen Auf­ga­ben schüt­zen.
  • Neue Berufs­fel­der und Qua­li­fi­ka­tio­nen: KI schafft neue Arbeits­plät­ze, ins­be­son­de­re in Berei­chen wie Daten­wis­sen­schaft, maschi­nel­les Ler­nen und KI-Ent­wick­lung. Dies för­dert die kon­ti­nu­ier­li­che Wei­ter­bil­dung und die Ent­wick­lung neu­er “Future Skills”.
  • Unter­stüt­zung bei Ent­schei­dun­gen: KI kann gro­ße Daten­men­gen ana­ly­sie­ren und wert­vol­le Erkennt­nis­se lie­fern, die die Ent­schei­dungs­fin­dung der Mit­ar­bei­ter unter­stüt­zen.

Risi­ken für Arbeit­neh­mer

  • Arbeits­platz­ab­bau und Qua­li­fi­ka­ti­ons­lü­cken: Eine der größ­ten Sor­gen ist der Ver­lust von Arbeits­plät­zen durch Auto­ma­ti­sie­rung, ins­be­son­de­re bei rou­ti­ne­mä­ßi­gen und leicht vor­her­seh­ba­ren Tätig­kei­ten. Gleich­zei­tig ent­steht eine Qua­li­fi­ka­ti­ons­lü­cke, da die Nach­fra­ge nach hoch­qua­li­fi­zier­ten Arbeits­kräf­ten steigt.
  • Über­wa­chung und Kon­troll­ver­lust: KI-Sys­te­me kön­nen zur Leis­tungs- und Ver­hal­tens­kon­trol­le ein­ge­setzt wer­den, was einen erheb­li­chen Über­wa­chungs­druck erzeu­gen und zu Ent­frem­dung sowie gesund­heit­li­chen Schä­den füh­ren kann.
  • Dis­kri­mi­nie­rung und Intrans­pa­renz: Algo­rith­men kön­nen unbe­wuss­te Vor­ur­tei­le repro­du­zie­ren oder sogar ver­stär­ken, was zu Dis­kri­mi­nie­rung bei Per­so­nal­ent­schei­dun­gen füh­ren kann. Die man­geln­de Nach­voll­zieh­bar­keit kom­ple­xer KI-Ent­schei­dun­gen (Black Box-Pro­blem) ist hier­bei ein gro­ßes Pro­blem.
  • Daten­schutz­be­den­ken: KI-Sys­te­me ver­ar­bei­ten oft gro­ße Men­gen per­so­nen­be­zo­ge­ner Daten, was Fra­gen hin­sicht­lich des Daten­schut­zes und der Daten­si­cher­heit auf­wirft.

Die Rol­le des Betriebs­rats bei der Gestal­tung einer men­schen­ge­rech­ten KI

Ange­sichts der umfas­sen­den Aus­wir­kun­gen von KI ist die früh­zei­ti­ge und akti­ve Ein­bin­dung des Betriebs­rats für eine erfolg­rei­che und sozi­al­ver­träg­li­che Trans­for­ma­ti­on uner­läss­lich.

Ent­wick­lung einer KI-Stra­te­gie für den Betriebs­rat

Betriebs­rä­te müs­sen eine eige­ne KI-Stra­te­gie ent­wi­ckeln, um den Her­aus­for­de­run­gen pro­ak­tiv zu begeg­nen. Dies beinhal­tet:

  • Kon­ti­nu­ier­li­che Wei­ter­bil­dung: Mit­glie­der soll­ten sich regel­mä­ßig über tech­ni­sche und recht­li­che Ent­wick­lun­gen infor­mie­ren, um die Funk­ti­ons­wei­se und Aus­wir­kun­gen von KI-Sys­te­men fun­diert beur­tei­len zu kön­nen. Semi­na­re zur KI-Kom­pe­tenz sind hier ent­schei­dend.
  • Hin­zu­zie­hung von Sach­ver­stän­di­gen: Das Betriebs­rä­te­mo­der­ni­sie­rungs­ge­setz erleich­tert die Hin­zu­zie­hung exter­ner Sach­ver­stän­di­ger bei der Beur­tei­lung von KI-Anwen­dun­gen, da deren Erfor­der­lich­keit in sol­chen Fäl­len fin­giert wird (§ 80 Abs. 3 BetrVG).

Betriebs­ver­ein­ba­run­gen als Gestal­tungs­in­stru­ment

Betriebs­ver­ein­ba­run­gen sind das zen­tra­le Instru­ment, um den Ein­satz von KI im Unter­neh­men recht­lich und ethisch zu regeln. Sie schaf­fen Trans­pa­renz und Rechts­si­cher­heit für alle Betei­lig­ten. Wich­ti­ge Inhal­te einer KI-Betriebs­ver­ein­ba­rung sind:

  • Rege­lun­gen zu Daten­ver­ar­bei­tung und Daten­schutz: Fest­le­gung, wel­che arbeit­neh­mer­be­zo­ge­nen Infor­ma­tio­nen gespei­chert wer­den dür­fen, wer dar­auf zugrei­fen kann und zu wel­chem Zweck. Hier­bei ist die Ein­hal­tung der DSGVO zu gewähr­leis­ten und ggf. eine Daten­schutz-Fol­gen­ab­schät­zung zu initi­ie­ren.
  • Gren­zen der Leis­tungs- und Ver­hal­tens­kon­trol­le: Kla­re Defi­ni­ti­on, dass und wie KI-Sys­te­me nicht zur umfas­sen­den Über­wa­chung genutzt wer­den dür­fen.
  • Qua­li­fi­zie­rung und Per­so­nal­ent­wick­lung: Maß­nah­men zur Umschu­lung und Wei­ter­bil­dung der Mit­ar­bei­ter, um Qua­li­fi­ka­ti­ons­lü­cken vor­zu­beu­gen und die Beschäf­ti­gungs­fä­hig­keit zu sichern.
  • Ethi­sche Leit­li­ni­en und Trans­pa­renz: Regeln zur Nach­voll­zieh­bar­keit von KI-Ent­schei­dun­gen, Ver­mei­dung von Dis­kri­mi­nie­rung und Sicher­stel­lung mensch­li­cher Kon­trol­le. Das Prin­zip, dass die Ent­schei­dung letzt­end­lich beim Men­schen blei­ben muss, ist hier­bei fun­da­men­tal.
  • Früh­zei­ti­ge Betei­li­gung und Test­pha­sen: Ver­ein­ba­run­gen über die schritt­wei­se Ein­füh­rung von KI, gege­be­nen­falls mit befris­te­ten Test­läu­fen in geschütz­ten Räu­men.

Betriebs­rä­te soll­ten ein Initia­tiv­recht nut­zen, um Leit­li­ni­en und Rah­men­be­din­gun­gen für den KI-Ein­satz zu erar­bei­ten. Ohne die Zustim­mung des Betriebs­rats darf ein mit­be­stim­mungs­pflich­ti­ges KI-Sys­tem nicht ein­ge­führt wer­den, und bei Ver­stö­ßen dro­hen dem Arbeit­ge­ber Sank­tio­nen, bis hin zur Still­le­gung des Sys­tems.

Fazit

Die Ein­füh­rung Künst­li­cher Intel­li­genz in der Arbeits­welt ist eine unaus­weich­li­che Ent­wick­lung. Für Betriebs­rä­te bedeu­tet dies nicht nur Her­aus­for­de­run­gen, son­dern auch die ein­ma­li­ge Chan­ce, die digi­ta­le Trans­for­ma­ti­on aktiv und men­schen­ge­recht mit­zu­ge­stal­ten. Durch die kon­se­quen­te Nut­zung ihrer Informations‑, Bera­tungs- und Mit­be­stim­mungs­rech­te aus dem BetrVG – ins­be­son­de­re in Bezug auf Über­wa­chung, Gesund­heits­schutz und Qua­li­fi­zie­rung – sowie durch die Berück­sich­ti­gung der neu­en Vor­ga­ben des EU AI Act kön­nen Betriebs­rä­te sicher­stel­len, dass KI-Sys­te­me zum Wohl der Beleg­schaft ein­ge­setzt wer­den. Die Ent­wick­lung einer eige­nen KI-Stra­te­gie, die kon­ti­nu­ier­li­che Wei­ter­bil­dung und die Gestal­tung umfas­sen­der Betriebs­ver­ein­ba­run­gen sind dabei ent­schei­den­de Erfolgs­fak­to­ren. Nur eine part­ner­schaft­li­che und trans­pa­ren­te Zusam­men­ar­beit zwi­schen Arbeit­ge­ber und Betriebs­rat kann das Ver­trau­en der Mit­ar­bei­ter stär­ken und die Vor­tei­le von KI opti­mal nut­zen, wäh­rend gleich­zei­tig die Risi­ken mini­miert und die Grund­rech­te der Arbeit­neh­mer geschützt wer­den.